Aktion der Initiative Länger gemeinsam lernen:

Die eigene Schule mit der PISA-Lupe untersuchen – und  entwickeln

Aus: Fragen und Versuche (Zeitung der Freinet-Kooperative e.V.), Dezember 2006
Ingrid Wenzler

 

Wer ist, was ist die Initiative Länger gemeinsam lernen?

Im Jahr 2006 konnte die Initiative Länger gemeinsam lernen die Freinet-Kooperative e.V. als 14. Mitgliedsverband herzlich begrüßen und als Mitstreiterin willkommen heißen. Die Initiative ging 2001 aus der Zusammenarbeit von Grundschulverband (GSV) und Gesamtschulverband (GGG)  hervor. Die Grundschule ist schon die Schule für alle Kinder. Statt aber alle Kinder in einer gemeinsamen Schule bis zu ihrem Schulabschluss unterrichten und fördern zu können, muss die Grundschule im Gegenteil dazu beitragen, dass die Kinder schon früh, nach vier bzw. sechs Jahren durch Empfehlung oder Prognose in hierarchisch verschiedenwertige Schullaufbahnen sortiert werden. Dies widerspricht der Zielsetzung des Grundschulverbandes. Im Sekundarbereich ist es die Gesamtschule, die alle nach Klasse 5 versetzten Kinder gemeinsam aufnimmt und fördert. Konzeptwidrig wurde sie in allen Bundesländern aber nur neben dem gegliederten Schulsystem zugelassen, (noch) nicht dieses ersetzend. Grundschulverband und Gesamtschulverband nahmen seit 2000 diese identische Zielsetzung zum Anlass, ihre Gemeinsamkeit auch programmatisch zu formulieren und im Sinne der gemeinsamen Zielsetzung bildungspolitisch zusammenzuarbeiten. Dazu erarbeiteten sie die Gemeinsame Grundsatzposition: Länger miteinander und voneinander lernen (siehe FuV Heft ….). Sie beschlossen, sich allen nicht parteigebundenen Organisationen im Bildungsbereich zu öffnen, die diese Erklärung unterschreiben. Es schlossen sich die GEW, der Bundeselternrat, die Aktion Humane Schule, der Verband Sonderpädagogik an, des Weiteren Verbände im Bildungsbereich, mehrere lokale oder landesweit organisierte Elternorganisationen, mehrere Landesschülervertretungen und eben als jüngstes Mitglied die Freinet-Kooperative. Somit ist die Initiative länger gemeinsam lernen die größte Initiative für die Durchsetzung des Ziels gemeinsamen Lernens aller Kinder bis zum Ende der Pflichtschulzeit. Sie tagt regelmäßig zweimal pro Jahr in Hannover, wo jeweils die nächsten gemeinsamen Schritte konzipiert und erarbeitet werden. Die Vorstände aller Mitgliedsorganisationen entscheiden über die erarbeiteten Vorschläge, die anschließend umgesetzt werden. Das bedeutet,  dass alle Mitgliedsverbände jederzeit Herr ihrer eigenen Beschlüsse bleiben. Bisher konnte auf diese Weise störungsfrei und konstruktiv ein enormes Arbeitsprogramm bewältigt werden.

Was hat die Initiative Länger gemeinsam lernen bisher gemacht?

Als die gemeinsame Grundsatzposition etwa ein halbes Jahr vor der Veröffentlichung der ersten PISA-Ergebnisse verabschiedet war, stellte sich die Aufgabe, Aktionen zu entwickeln, durch die sie bekannt gemacht und verbreitet  wurde, durch  die ihre Umsetzung und Verwirklichung befördert wurde. Welches Mammut-Unternehmen wir damals starteten, war uns nicht wirklich bewusst, und das war auch gut so. Denn trotz aller bildungspolitischen Diskussionen bleibt es eine gigantische Herausforderung, Schritte in eine integrative Zukunft zu erreichen.

Folgende Aktionen sind bisher realisiert worden:

  • Ein Plakat (das Ausrufezeichen), das die Ziele der Initiative prägnant im halböffentlichen Raum der Schule darstellt, verbreitet über die Mitgliedszeitschriften des GSV und der GGG;
  • Das Buch Länger gemeinsam lernen. Es ist sowohl in der Reihe des Grundschulverbandes als auch des Gesamtschulverbandes veröffentlicht und gilt als ein Grundlagenwerk zum Thema.
  • Aus dieser Arbeit heraus entstand das nächste und aktuelle Projekt: Die PISA-Lupe, die unten ausführlich beschrieben wird.
  • Zur Feier dieses Projektes PISA-Lupe fand am 23. September 2005 in Kleinmachnow (Brandenburg) ein großes gemeinsames Bildungsfest der Initiative Länger gemeinsam lernen statt. Die Vorstellung und Verbreitung der PISA-Lupe war ebenso Ziel wie das gegenseitige Kennenlernen der Menschen aus den verschiedenen Verbänden. Frau Prof. Rita Süssmuth hielt die viel beachtete Festansprache. Kabarettistische, musikalische, ernste und humorvolle, sachliche und dichterische Beiträge bildeten ein dichtes Programm, das mit einer Disko und Tanz endete. Dieses Fest charakterisiert die Initiative: Die Arbeit an unserem Thema und Ziel macht uns Spaß, das darf alle Welt sehen.
  • Bei der Bildungsmesse 2006 in Hannover fand eine Informationsveranstaltung zur PISA-Lupe statt.
  • Ende April 2006 führten wir eine zweitägige, sehr erfolgreiche und ertragreiche  Fachtagung zur PISA-Lupe mit etwa 50 Teilnehmenden aus den Mitgliedsverbänden durch. Deren Impulse werden zurzeit in Handlungsprogramme umgesetzt.
  • Alle diese Aktionen sind dokumentiert und zugänglich auf der Homepage der Initiative: www.laenger-gemeinsam-lernen.de.
  • Artikel in Fachzeitschriften, Vorstellung der Initiative Länger gemeinsam lernen und ihres Projektes PISA-Lupe  auf Tagungen und Kongressen, Aktionen in den einzelnen Verbänden finden laufend statt.

Die PISA-Lupe, das zentrale Projekt der Initiative Länger gemeinsam lernen

Die Herausgeber des Buches Länger gemeinsam lernen, Peter Heyer, Ulf Preuss-Lausitz und Lothar Sack, hatten ihre Schlussfolgerungen aus den Beiträgen des Buches in einem „Aufruf zum Handeln“ zusammengefasst (S. 317 – 320). Für einen „planvollen Umbau des Schulsystems“ präsentierten sie in neun Punkten vordringliche Teilschritte und Einzelmaßnahmen. Die Mitglieder der Initiative stimmten dieser Einschätzung zu. Sie verständigten sich darauf, realistischerweise gemeinsam nur einen Punkt, nämlich den Punkt „Förderung eines Mentalitätswandels“ anzupacken. Darunter verstehen die Herausgeber den Wandel  „Integrative Pädagogik statt selektiver Pädagogik und integrative Differenzierung statt selektiver Differenzierung“. Als Zielgruppe unserer Aktion entschieden wir uns für die Personen und Bereiche, die die beteiligten Verbände organisieren bzw. repräsentieren.

Dazu musste ein Instrument erarbeitet werden, das in hoher Auflage verbreitet werden konnte, das die Botschaft klar transportierte, das neugierig und interessiert machte. Dieses Instrument wurde der Flyer: Die PISA-Lupe (evtl. hier Bild integrieren). Inzwischen sind über 50.000 Exemplare des Flyers verteilt, Nachdrucke verweisen auf die fortbestehende Nachfrage.

Worum geht es dabei? Ziel der PISA-Lupe ist die „Förderung eines Mentalitätswandels“. Es bleibt vollkommen unbestritten, dass die Einführung einer gemeinsamen Schule für alle Kinder eine bildungspolitische Entscheidung ist, die durch Aktivitäten im bildungspolitischen Bereich befördert werden muss. Das tun die Verbände in ihrer eigenen Verantwortung. Genauso offensichtlich ist es aber, dass – bestimmt vielfach gegen die erklärte Absicht der Lehrer und Lehrerinnen – die soziale Selektion in den Schulen und an den Übergängen stattfindet, ohne dass dies als Problem gesehen und bearbeitet wird. Viele Eltern und Lehrpersonen haben zwar ein Problembewusstsein zum Thema: Deutschland als Land mit der höchsten sozialen Selektivität aller bei PISA untersuchten Länder. Aber führt dies auch zu einer konkreten Veränderung an der eigenen Schule? Gibt es Schulen, die von sich selber wissen wollen, wie es sich an ihrer Schule mit der sozialen Schieflage beim Schulerfolg verhält? Und wenn ja, was sie dagegen unternehmen können? Die in ihren Schulkonferenzen überlegen, ob sie dies wissen wollen und wozu? Alle Wahrscheinlichkeit spricht ja dafür, dass sich auch in der eigenen Schule abspielt, was auf Systemebene herausgefunden wurde: Kinder mit gleichen Fähigkeiten haben sehr unterschiedliche Chancen in der Schule, je nachdem, welchen Schulabschluss und welchen sozialen Status ihre Eltern haben. Auf Systemebene muss sich etwas ändern. Aber könnten nicht auch die Menschen in den Schulen damit beginnen, in ihrem eigenen Einflussbereich zu untersuchen, wie dort die Chancen der Kinder unterschiedlicher sozialer bzw. ethnischer Herkunft sich darstellen? Um dann nach Wegen zu suchen, dies zu verändern?

Dies ist einer der Gedanken der PISA-Lupe. Der zweite Vorschlag ist es, über das (Nicht)-Vorhandensein „finnischer Prinzipien“ in der eigenen Schule zu sprechen. „Kein Kind zurücklassen. Kein Kind beschämen.“ Ausländische Beobachter weisen nach Unterrichtshospitationen auf die vielfachen Bemerkungen von Lehrpersonen hin, die im Unterricht achtlos, aber zum Teil auch gezielt gesagt werden und beschämend wirken. Haben wir bei uns in der Schule schon mal danach gefragt, wie wir dies sehen? Wie wir es praktizieren? Wollen wir daran arbeiten, dass sich bei uns kein Kind mehr beschämt fühlen kann? Wollen wir Sensorien verabreden, die uns helfen, dies zu verbessern?

Die PISA-Lupe besteht überwiegend aus Fragen. Das ist ganz bewusst so gemacht. Es sind beispielhafte Fragen, die das innerschulische Gespräch über das Problem der sozialen Selektivität und das der Ausdrucksformen von Beschämung anregen sollen, also über zwei zentrale Problembereiche der deutschen Schule. Sich nur politisch  damit zu beschäftigen, birgt die Gefahr in sich, im eigenen Einflussbereich nicht zu bemerken und nicht zu verbessern, was dort verbesserbar ist. Die PISA-Lupe will allen Menschen in der Schule das Angebot machen, über die genannten Fragestellungen miteinander ins Gespräch zu kommen. Dies kann von den Lehrkräften ausgehen, aber auch von den Eltern bzw. SchülerInnenvertretungen. VertreterInnen ihrer Organisationen haben die PISA-Lupe mitentwickelt, manche sind erst durch die PISA-Lupe neu zur Initiative Länger gemeinsam lernen gestoßen. Das Ziel ist es, zwischen den verschiedenen Personen und Gruppen in der Schule ein respektvolles Gespräch zu entwickeln, in dem auch bei der Arbeit am Thema Beschämungen vermieden werden,  sich keine Lager bilden und keine Stempel „gut“ und „schlecht“ offen oder verdeckt verteilt werden.

Solche Diskussionen wollen wir anregen. Wir sind von ihrer Notwendigkeit und von ihrer positiven Leistung für die Kinder überzeugt. Sie können eigenständige Themen innerschulischer Beratungen werden. Aber es ist auch möglich, sie quasi als Querschnitts-Fragestellungen innerhalb der Schulentwicklung in den Blick zu nehmen. Wenn die Schule z.B. Förderkonzepte entwickelt, kann sie „nur“ über festgestellte Problembereiche des Lernens nachdenken. Sie kann aber auch zusätzlich fragen, welche Schüler und Schülerinnen voraussichtlich Adressaten der Förderangebote werden. Werden diese Kinder diese Form annehmen können, sie wertschätzen können, werden sie also profitieren können – oder werden sie sich durch die gewählte Form beschämt oder bestraft fühlen? Das ist häufig bei der ersten oder letzten Stunde am Tag der Fall. Erreicht der Grammatikunterricht auch real Kinder, die nicht von zu Hause her schon wissen, wie wichtig dies für Schulerfolg in Deutschland ist? Zusätzlich zum Blick auf die Probleme und die Lösungsangebote richtet die PISA-Lupe  den Blick auf die Zielgruppe der Schüler und Schülerinnen und fragt nach, wem das geplante Angebot tatsächlich nützen kann – und soll. Viele Beispiele zur Förderarbeit, die in der Fachpresse präsentiert werden, lassen vermuten, dass Lernschwierigkeiten von Kindern aus bildungsnahen Familien bearbeitet werden. Fallen da nicht gerade die schwierigen Kinder aus wenig bildungsinteressierten Elternhäusern heraus? Ist dies wissenswert?

 Im Bereich der Freinet-Pädagogik wäre eine mögliche Fragestellung, welche Kinder von Freinets Methode besonders profitieren und welche Kinder damit weniger oder kaum zurecht kommen. Gibt es hier unerkannte, unerwünschte soziale Schieflagen beim Lernerfolg? Wie gehen wir mit Kindern um, denen strukturierte Lernangebote zu mehr Schulerfolg verhelfen? Drückt sich darin eine soziale Verschiedenheit aus? Wenn, was zu vermuten ist, darauf die Antwort ja lautet: Wie lösen wir diese Herausforderung bei uns?

 So verstanden, ist der Blick durch die PISA-Lupe keine eigenständige Schulentwicklungsaktivität, sondern ein Aspekt sämtlicher Arbeiten. Keine Zusatzarbeit, sondern eine Wachfunktion hinsichtlich der sozial selektiven Auswirkung von Aktivitäten sowie des respektvollen Umgangs miteinander bzw. des Verstoßes dagegen. Wir wagen die These, dass eine Schule, die hieran beginnt zu arbeiten, sich sowieso positiv verändern wird.

In jeder Schule kann mit dem Blick durch die PISA-Lupe begonnen werden. Der Flyer ist auf der Homepage eingestellt und kann herunter geladen werden. Exemplare können durch die Mitgliedsverbände gegen Selbstkostenpreis in größerer Anzahl bei der Geschäftsstelle der Initiative bestellt werden. Bei größeren Nachfragen wird dann über eine Neuauflage entschieden. Aktuell werden weitere Materialien und Instrumente für Schulen erarbeitet, die nach Fertigstellung auf der Homepage angeboten werden. Die Initiative Länger gemeinsam lernen ist jedoch auch daran interessiert, Beispiele zu sammeln und zu veröffentlichen, die Arbeiten im Sinne der PISA-Lupe dokumentieren.

 
Grundschulverband - Arbeitskreis Grundschule e.V. (GSV)
Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule - Gesamtschulverband e.V. (GGG)
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Aktion Humane Schule e.V. (AHS)
Verband Sonderpädagogik e.V. (VDS)
Bundeselternrat (BER)
Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben (DGLS)
Deutsches Kinderhilfswerk (DKHW)
Landeselternrat der Gesamtschulen in NW e.V. (LER)
Landesschülervertretung Berlin
Elterninitiative SINN e.V.
Gesamtelternbeiräte Baden-Württemberg
Freinet-Kooperative e.V.
Bielefelder Initiative
Stadtelternrat Oldenburg
Länger gemeinsam lernen / Initiative Baden-Württemberg
Länger gemeinsam lernen / Initiative Rheinland-Pfalz
EIFER e.V.
Runder Tisch Gemeinschaftsschule Berlin
Elternverband für Gesamtschulen Niedersachsen