Länger gemeinsam lernenAus: Grundschule aktuell, Heft 96, November 2006, S. 2
Tagebuch
PETER HEYER
2001 - noch vor Veröffentlichung der ersten PISA-Ergebnisse - haben Grundschulverband und Gesamtschulverband gemeinsam die Initiative Länger gemeinsam lernen gegründet. Ihr gehören inzwischen 14 Verbände/Gruppierungen an, u.a. Bundeselternrat, GEW und VDS (www.laenger-gemeinsam-lernen.de). Ziel dieser Initiative ist die bessere Schule für alle Kinder. Dabei geht es neben einer Neuen Lernkultur - vor allem in vielen Schulen des Sekundarbereichs -, und einer auf die Heterogenität der Kinder und Jugendlichen bezogenen Ausbildung der Pädagoginnen und Pädagogen vor allem um eine andere Schulstruktur. Und hier scheiden sich die Geister! Eine andere Lernkultur, was auch immer darunter verstanden wird, das erzeugt wenig Widerspruch. Die Grundschule arbeitet daran erfolgreich seit Jahrzehnten! Eine andere Lehrerbildung! Da ist inzwischen manches in Bewegung geraten, aber das meiste nach wie vor nur alter Wein in neuen Schläuchen. Und die Hauptsache, eine andere, integrative, demokratische Schulstruktur: Die fürchten die meisten Politiker(innen) und leider immer noch auch viele Eltern wie der Teufel das Weihwasser.
Kein Mensch, der von Schule auch nur ein bisschen versteht, bezweifelt inzwischen die dramatische Botschaft der ersten PISA-Studie: In keinem anderen Land bestimmt die soziale Herkunft so sehr den Schulerfolg wie in Deutschland. Auch der Bundespräsident wies gerade in seiner Berliner Rede darauf hin. Wie aber kommt es, dass allein Deutschland so beharrlich festhält an seinem anachronistisch gegliederten Schulsystem? Trotz all der nachweisbar negativen Auswirkungen für große Teile der kommenden Generation? Warum hält unser Land gegen besseres Wissen fest an der Tradition der meist nur vierjährigen gemeinsamen Schulzeit für alle? Warum sortieren wir wider besseres Wissen immer noch 10jährige Kinder in Schulen unterschiedlichen Wertes: in Erfolg versprechende Schulen und in Schulen, in denen der Misserfolg der meisten Schüler(innen) fast zwangsläufig eintritt? Und warum klagen in Deutschland so viele Lehrer(innen) ständig über die vielen „falschen Kinder“, die sie zu unterrichten hätten? Warum ist die irrige Meinung, die Qualität pädagogischen Arbeit hänge letzthin vor allem von der Qualität des Sortierens ab, einfach nicht aus den Köpfen all derer zu kriegen, die das deutsche Schulsystem zu verantworten haben? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß: Die Jahre des gegliederten Schulsystems sind gezählt! Die Botschaft des finnischen Denkens greift zwar langsam aber unumkehrbar um sich: Kein Kind beschämen, kein Kind zurücklassen. Alle Kinder und Jugendlichen sind wichtig, alle sind bei uns richtig. Diese Botschaft ist das, was wir von den bei PISA erfolgreichen Ländern lernen können und was auch die Schulen des Sekundarbereichs zu lernen haben: Jedes Kind zählt und verdient Unterstützung. Die individuelle Förderung aller Kinder beim gemeinsamen Lernen ist Aufgabe jeder Schule.
Ich bin sicher: Die Transformation unseres hoch selektiv wirksamen gegliederten Schulsystems in ein integratives System ist nur noch eine Frage der Zeit. In wenigen Jahren werden inklusive Schulen, mit ihrem kommunalen Umfeld verbundene ganztägig geöffnete Gemeinschaftsschulen von Klasse 1 bis 10 oder 12, die Regel sein. Die Wissensgesellschaft kann es sich nicht leisten, Teile der kommenden Generation von vornherein ins Abseits zu schieben und schlecht auszubilden. Das gegliederte Schulsystem verschwendet Talente, die Gemeinschaftsschule fördert sie. Die Wissensgesellschaft braucht sehr viel mehr gut ausgebildete Menschen als je zuvor.
Die Bildung aller Kinder und Jugendlichen ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Auch die Gymnasien dürfen sich dieser Aufgabe nicht entziehen. Gemeinsame Grunderfahrungen aller Kinder unabhängig von ihrer sozialen Herkunft sind wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Den Kompromiss zu revidieren, mit dem 1920 die gemeinsame Schulzeit aller Kinder auf vier Jahre begrenzt wurde, ist überfällig.
|