Die G-Frage

Was unterscheidet das Modell Gesamtschule von dem Modell „Eine Schule für alle“ oder der Gemeinschaftsschule?

Aus: blz, Zeitschrift der GEW Berlin; Januar 2007

Lothar Sack, Schulleiter der Fritz-Karsen-Schule bis Juli 2006

Eigentlich ist es ganz einfach: Auch Deutschland hat nunmehr fast 90 Jahre nach dem Ende der Kaiserzeit, nach Abschaffung des Ständestaates eine demokratische Schule verdient, eine Schule, auf die die Kinder aller Gesellschaftsschichten gehen und gemeinsam lernen und wo ihr Erfolg möglichst wenig von ihrer Herkunft abhängt.

Die Wirklichkeit ist komplizierter, selbst für Sympathisanten des Modells „Eine Schule für alle“. Machen Sie, wenn Sie Interesse haben, einen Selbsttest: Verbinden Sie ganz naiv die Wörter Gesamtschule und Gemeinschaftsschule nacheinander mit den Wörtern „ist“, „wegen“, „mit“, „unabhängig von“, „trotz“, „gegen“, „ist nicht“ und beobachten Sie Ihre Reaktion. Wenn Ihnen das nicht reicht, bilden Sie die analogen Aussagen, indem Sie „Einheitsschule“, „POS“ (Polytechnische Oberschule) Schultyp oder den Namen ihrer eigenen Schule einsetzen. Einen Versuch ist es wert.

Sie merken, frei von Emotionen ist dieses Thema nicht und Achtung, auch für die Befürworter der „Einen Schule für alle“ ist das Gelände vermint: Sagen die Freunde der Gesamtschule „Wieso müssen wir ’was Neues erfinden. Nehmt die Gesamtschule, die gibt’s doch schon und sie hat sich bewährt“, sagt manch anderer: „Die Gesamtschule mit ihrem starren System der Einteilung in Niveaukurse ist ein organisatorisches Monster, das unter anderem die Stärkung des sozialen Zusammenhalts stark erschwert.“ Ein Kollege aus der Realschule meint: „Die Idee find’ ich ja spannend, aber den ,Spagat‘ vom Hauptschüler bis zum Gymnasiasten trau ich mir (noch) nicht zu.“ Die Klassenlehrerin einer sechsten Klasse aus der Grundschule: „Ich will meine Klasse ein oder zwei Jahre weiter führen, dafür brauche ich doch keine Gesamtschule.“ Und viele denken „Das Hin und Her versteh’ ich sowieso nicht, schließlich hatten wir doch die POS.“

Mit der Diskussion um die Gemeinschaftsschule in verschiedenen Bundesländern ist die Diskussion um die Struktur des Schulsystems enttabuisiert, ergreifen wir die Gelegenheit. Und hierbei sollten sich alle, die die gemeinsame Schule für alle als Zielvorstellung haben und sich in ihre Richtung bewegen wollen, als Verbündete sehen, unabhängig davon, an welcher Stelle oder in welcher Schulform sie derzeit tätig sind. Machen alle einen Schritt in Richtung eines integrierten Schulsystems, so bewegt sich das ganze System. Übrigens ist eine Gesamtschule, die beschließt, in Klasse 7 die Kerngruppen nach der Wahl des Wahlpflichtfaches zusammenzustellen und auf diese Weise abschlussbezogene Klassen bildet, weniger ein Verbündeter der Gemeinschaftsschule als eine Haupt- und eine Realschule, die künftig gemeinsam arbeiten wollen oder ein Gymnasium, das beschließt, komplette Klassen zu Beginn der Klasse 7 aufzunehmen und alle Schüler unabhängig von ihrer Leistungsentwicklung bis zum Abschluss der Klasse 10 zu behalten.

Spätestens seit der Veröffentlichung der PISA-Ergebnisse wissen wir, wie bedrückend die Ergebnisse des deutschen Schulsystems sind und – andere Länder machen es vor – wie gut sie sein könnten. Auch für Bundespräsident Köhler sind diese Befunde „beschämend“. Viele unserer europäischen Nachbarn haben sich sogenannte nationale Bildungsziele gesetzt, in Deutschland habe ich davon noch nicht viel gehört. Ich mache ‘mal einen Anfang mit einer Zielbeschreibung für die kommenden zehn Jahre: In Bezug auf Chancengleichheit sollte die Korrelation zwischen sozialer Herkunft und Schulerfolg halbiert werden, die Verbesserung der schulischen Leistungen sollte vor allem bei der Risikogruppe von derzeit rund 23 Prozent auf 10 Prozent reduziert werden, die Abiturientenquote sollte auf 70 Prozent eines SchülerInnenjahrgangs angehoben werden und der Anteil der Hochschulabsolventen sollte auf 50 Prozent gebracht werden.
Es gibt viele gute Gründe, derartige Ziele nicht für überzogen zu halten. Nur einer davon ist, dass Schweden diese Zahlen bereits erreicht.

Die Ziele hängen zusammen und bedingen einander. Keiner will die Chancengleichheit herstellen durch eine Verringerung des Anteils der AbiturientInnenen mit gehobenem sozialen Hintergrund. Also ist Chancengleichheit nur durch Verbesserung der Lernergebnisse der sozial Benachteiligten zu erreichen.

Und die Leistungssteigerung von Gymnasiasten ohne Steigerung der Leistung der anderen – so bei PISA in Deutschland von 2000 auf 2003 geschehen – erhöht zwar die durchschnittliche Leistung, liefert aber keinen Beitrag für die übrigen Ziele. Leistungssteigerung des Gesamtsystems kann nur durch Leistungssteigerung aller, insbesondere also des derzeit in Deutschland besonders großen Teils der Leistungsschwachen erreicht werden.
Wie könnte sie aussehen, die Schule, mit der sich die gesetzten Ziele erreichen lassen? Nennen wir sie der Kürze halber einfach G-Schule. Natürlich machen wir dabei Anleihen bei unseren erfolgreicheren europäischen Nachbarn.

Die inhaltlichen Kriterien der G-Schule

Da ist zunächst die Haltung der Menschen zueinander, gleichgültig ob LehrerInnen, SchülerInnen oder Eltern: Finnisches Denken ist gefordert: Schule für Alle. Jeder ist wichtig. Jeder wird respektiert. Keiner wird beschämt. Und Homogenität gibt es nicht. Verschiedenheit ist normal und muss anerkannt werden. Und es muss gelernt werden, mit der Verschiedenheit der Menschen konstruktiv umzugehen. Jede/r SchülerIn erfährt seine maximale Entfaltungsmöglichkeit, die nur in den Bedürfnissen und Rechten der anderen ihre Grenzen erfährt.

Lernen im sozialen Kontext wird als individueller Prozess gesehen, das Begreifen wird wörtlich verstanden als selbstständige und aktive Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Gegenstand. Jede SchülerIn hat ihren individuellen Lernplan. Das Lernen erfolgt selbstgesteuert, der Lehrer, die Lehrerin sind als LernberaterInnen tätig, sie geben Tipps, Hinweise und Rückmeldungen, wo es notwendig erscheint, stärkere Strukturierungshilfen. Lernen wird als Bedürfnis empfunden und es macht Freude und bringt Genugtuung.

Die SchülerInnen werden nicht nur fremd beurteilt, sondern sie lernen systematisch, ihren Lernstand und ihre Lerngeschwindigkeit selbst einzuschätzen, und das nicht an einer relativen Notenskala orientiert, sondern an inhaltlichen Kriterien, an Kompetenzniveaus, Portfolios und anderem. Vor allem lernen sie, ein eigenes Anspruchsniveau zu entwickeln. Die SchülerInnen lernen Partizipations- und Gestaltungsfähigkeit und werden nicht abstrakt für die Übernahme von Verantwortung in einem späteren, dem sogenannten „wirklichen“ Leben, vorbereitet, sondern erleben dieses bereits in der Schule. Es ließen sich noch eine Reihe von Kriterien wie interdisziplinäres Lernen in Zusammenhängen und mit Nachhaltigkeit und vieles andere mehr aufzählen.

Jetzt werden einige sagen: Alles schön und gut, aber viel zu idealistisch und vor allem ist dafür keine Zeit, schließlich müssen wir den Lehrplan schaffen. Ich behaupte, wir haben alle Zeit der Welt, ja wir vergeuden sogar kostbare Lebenszeit mit der derzeitigen Unterrichtspraxis. Ein Beispiel: Die heutigen Zehntklässler hatten knapp 1000 Unterrichtsstunden im Fach Englisch, was dem Umfang einer Dolmetscherausbildung entspricht, und verlassen die Sekundarstufe I mit bescheidenen Fähigkeiten. Das Fach Englisch könnte in dieser Überlegung durch fast jedes andere Fach ersetzt werden.

Noch sind wir weit von den beschriebenen inhaltlichen Kriterien entfernt. So könnte man die Abwesenheit von LehrerInnen in der Schule derzeit auch als Lernverbot sehen, SchülerInnen sollten immer lernen können, die, die es können und nutzen wollen, werden häufig als StreberInnen diffamiert, was zwar nicht böse gemeint ist, aber dennoch als demütigend und ausgrenzend empfunden wird, vergleichbar den Bemerkungen von Lehrkräften zu Lernstand und manchmal auch der Intelligenz ihrer SchülerInnen, die sich gleiches nicht erlauben sollten.

Es gibt viel Unterricht, in dem wenig gelernt wird, und es gibt viel Lernen ohne Unterricht. Wir haben uns angewöhnt, nicht intensiv über den Unterschied von Lernen und Unterricht nachzudenken. In der LehrerInnenausbildung hat die Lehrkraft „unterrichten“ gelernt, und zwar häufig das Unterrichten von Fächern und nicht von SchülerInnen. LehrerInnen machen „Lehr“ proben, die in den seltensten Fällen auch „Lern“- proben sind. Mit der Wahl des Verbs wendet sich die Perspektive. Versuchen Sie einmal, einen Tag die Wörter Unterricht und unterrichten zu vermeiden und was Sie sagen wollen, mit dem Wort lernen auszudrücken, also konsequent die SchülerInnenperspektive einzunehmen. Das ist der erste Schritt zum Perspektivwechsel. In der Konsequenz sollten wir dazu kommen, den Lernausfall und nicht den Unterrichtsausfall als Skandal zu beschreiben.

Viele BesucherInnen von nachgewiesen erfolgreich arbeitenden Schulen, ob im Ausland oder in Deutschland, kommen enttäuscht von ihren Besuchen zurück mit der Bemerkung, dass sie, sofern sie überhaupt Unterricht gesehen haben, dieser bestenfalls durchschnittlich gewesen sei. Kann es sein, dass diese BesucherInnen zwar mit einem trainierten „Unterrichts“-Auge geschaut haben, aber das „Lern“-Auge nicht offen war? Könnte es sein, dass man mit der Entwicklung einer Lernkultur einen höheren Wirkungsgrad erzielt als mit der Entwicklung der Unterrichtskultur? Stellen Sie sich einmal vor, wie gut die Skandinavier wären, wenn sie auch noch guten Unterricht machen würden!

Also: Lernen statt Unterricht oder etwas weniger radikal: Weniger Unterricht – mehr Lernen. Mir erscheint der Paradigmenwechsel weg von der Unterrichtsschule, hin zur Lernschule einer der wichtigsten Schritte zu sein, die wir gehen müssen.

Strukturelle Kriterien der G-Schule

Die Diskussion um die Gemeinschaftsschule wird von vielen in erster Linie als eine Diskussion um ihre strukturellen Kennzeichen verstanden. Die Bemühungen um die Entwicklung einer Unterrichts-, einer Lern-, einer Schulkultur werden fast überall als invariant gegenüber der Schulstruktur gesehen. Für mich stehen Inhalt und Struktur mindestens gleichberechtigt gegenüber und beeinflussen sich gegenseitig. Ein Beispiel: Können Sie sich vorstellen, wie eine Schule „finnisches Denken“ (jeder ist willkommen, jeder findet Anerkennung) praktizieren kann, wenn sie gleichzeitig SchülerInnen, „die nicht hierher gehören“, auf die Schulform abschieben kann, wo sie vermeintlich hingehören? Das geht nicht.

Kümmern wir uns also um die strukturellen Kriterien der G-Schule: Sie muss allen Kindern offen stehen. Idealerweise sollte die Schülerschaft ein repräsentatives Abbild der Bevölkerung sein. Sie soll sich nicht auf die Sekundarstufe I beschränken. Sofern sie vorangehende oder folgende Schulstufen nicht selbst anbietet, müssen sie inhaltlich und organisatorisch mitgedacht sein. Ein Schulstufenwechsel darf keine mittlere Lebenskrise sein.

Jeder Abschluss muss sowohl rein formal als auch vom Lernangebot her möglich sein. Die Feststellung des erreichten Abschlusses erfolgt erst am Ende des letzten Schuljahres. Wenn es beim Durchlauf durch die Schule Wahlmöglichkeiten gibt, darf der erreichbare Abschluss nicht von dieser Wahl abhängig sein.

Alle einmal aufgenommenen Kinder bleiben SchülerInnen der Schule. Heterogene Lerngruppen sind so normal wie die Verschiedenheit der Menschen. Hochbegabte und Behinderte lernen der Idee der Inklusion folgend mit allen anderen gemeinsam. Es gibt keine administrativen Vor gaben für eine von der Schule gewünschte Jahrgangsmischung. Es gibt keinen administrativen Zwang zum Selektieren innerhalb der Schule, auch nicht zur äußeren Leistungsdifferenzierung. Die Klasse darf nur auf eigenen Wunsch wiederholt werden, es gibt keinen Zwang. Statt durch Noten werden Lernstand und Lernentwicklung inhaltlich ausgewiesen. Die Gemeinschaftsschule darf nicht zur Aufnahme der eventuell von anderen Schulen verwiesenen SchülerInnen verpflichtet werden.

G(emeinschafts)schule / G(esamt)schule

Für viele ist nicht einsichtig, weshalb „Eine Schule für alle“ oder eine Vorform den Namen Gemeinschaftsschule erhalten soll, erkennen sie in ihr doch viele Elemente der Gesamtschule wieder. Wahr ist aber, dass viele der aufgezählten Merkmale in heutigen Gesamtschulen (noch) nicht vorkommen. Dabei ist es fast unerheblich, ob die Gesamtschulen administrativ daran gehindert wurden, sich ihren Vorstellungen gemäß weiter zu entwickeln, oder ob sie die jeweiligen Merkmale aus eigener Überzeugung gesetzt haben.

Gesamtschule in der jetzigen Prägung bedeutet zum Beispiel äußere Leistungsdifferenzierung. In vielen Bereichen sind dennoch Gesamtschulen pädagogische Wegbereiter gewesen (Heterogene Lerngruppen, Weiterentwicklung der Lern- und Unterrichtskultur, Integration/Inklusion, Ganztagsbetrieb). Wenn auch die inhaltlichen Erfahrungen von anderen vielfach aufgegriffen wurden, so ist doch die eigentlich fällige Anerkennung der Arbeit der Gesamtschulen bisher ausgeblieben. Für das Projekt Gemeinschaftsschule sind die Erfahrungen der Gesamtschulen unverzichtbar und müssen aufgearbeitet werden. Die Gesamtschulen sollten nicht der realen und zum Teil nachvollziehbaren Gefahr erliegen, sich der weiteren Entwicklung zu einer gemeinsamen Schule für alle zu verschließen, sondern sie auch als Chance sehen, in dem schwierigen gesellschaftlichen Prozess ein Stück voranzukommen und dabei die gemachten Erfahrungen tatkräftig einzubringen.

Einschätzung des Pilotprojekts


Die Gemeinschaftsschule und die auf sie zielende Pilotphase kann die Chance des Einstiegs in die gemeinsame Schule für alle bieten. Sie muss inhaltlich und formal alle Abschlüsse vorsehen, insbesondere die der Sekundarstufe II mit berücksichtigen. Mögliche Integrationsschritte müssen nach oben offen sein. Dazu zählen Inklusion, heterogene Lerngruppen in allen Fächern, Jahrgangsmischung, Abgehen von Notenzeugnissen.

Jede Form der Zweigliedrigkeit bleibt eine Krücke. Wenn sie überhaupt toleriert wird, dann als zeitlich begrenzte Übergangslösung.
Man kann die hier skizzierte Gemeinschaftsschule als inhaltliche und strukturelle Weiterentwicklung der Gesamtschule betrachten. In diesem Sinne ist die Gemeinschaftsschule weder Gegner noch Konkurrent der Gesamtschule. Dabei sind alle auf die Erfahrungen der Gesamtschulen angewiesen und sollten daraus lernen. Die Gegner der Idee der Gesamtschule sind auch die Gegner der Gemeinschaftsschule.

Eine Bemerkung zum Abschluss: 2020 jährt sich die Reichsschulkonferenz zum hundertsten Male. Auf ihr machten seinerzeit fortschrittliche PädagogInnen den Versuch, für Deutschland eine den demokratischen Ansprüchen gerecht werdende Schule zu errichten. Herausgekommen, quasi als Zugeständnis an die neue Zeit, ist die gemeinsame vierjährige Grundschule, die bis heute die einzige nahezu „flächendeckende“ gemeinsame Schule für alle geblieben ist. Eigentlich wäre es an der Zeit, bis 2020 die dann einhundertjährige Verspätung zu beenden.

Zum Autor: Lothar Sack, Jahrgang 1941, Schulleiter der Fritz-Karsen-Schule bis Juli 2006, stellv. Bundesvorsitzender der GGG, Mitglied im leitenden Ausschuss FG Gesamtschulen, Berlin

 
Grundschulverband - Arbeitskreis Grundschule e.V. (GSV)
Gemeinnützige Gesellschaft Gesamtschule - Gesamtschulverband e.V. (GGG)
Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW)
Aktion Humane Schule e.V. (AHS)
Verband Sonderpädagogik e.V. (VDS)
Bundeselternrat (BER)
Deutsche Gesellschaft für Lesen und Schreiben (DGLS)
Deutsches Kinderhilfswerk (DKHW)
Landeselternrat der Gesamtschulen in NW e.V. (LER)
Landesschülervertretung Berlin
Elterninitiative SINN e.V.
Gesamtelternbeiräte Baden-Württemberg
Freinet-Kooperative e.V.
Bielefelder Initiative
Stadtelternrat Oldenburg
Länger gemeinsam lernen / Initiative Baden-Württemberg
Länger gemeinsam lernen / Initiative Rheinland-Pfalz
EIFER e.V.
Runder Tisch Gemeinschaftsschule Berlin
Elternverband für Gesamtschulen Niedersachsen